Katzen auf Zypern: Geschichte, Straßenleben und wie du helfen kannst
Wer zum ersten Mal nach Zypern kommt, fällt es schon am Flughafen auf. Oder spätestens beim ersten Taverna-Besuch, wenn sich ein knochiges Tier unter deinen Stuhl schleicht und mit großen Augen auf deine Calamari wartet. Zypern hat Katzen. Viele Katzen. Schätzungen schwanken, aber irgendwo zwischen 1,5 und 2 Millionen streunende Tiere auf einer Insel mit weniger als einer Million Einwohnern — das ist kein Zufallsergebnis, das ist Geschichte.
Woher kommen all diese Katzen?
Die beliebteste Erklärung: Die Byzantinerin Helena, Mutter von Kaiser Konstantin, brachte im 4. Jahrhundert Katzen aus Ägypten nach Zypern, um die Schlangen zu bekämpfen, die auf der Insel wüteten. Das Kloster Agios Nikolaos ton Gaton — Heiliger Nikolaus der Katzen — nahe Limassol existiert noch heute und gilt als Erbe dieser Aktion. Ob die Geschichte wortwörtlich stimmt, ist für Historiker diskutierbar. Dass Zyperns Katzengeschichte außergewöhnlich lang ist, nicht.
Was unbestreitbar stimmt: Die Insel hatte über Jahrhunderte wenig systematische Tierkontrolle. Katzen leben draußen, vermehren sich im milden Klima nahezu ganzjährig und werden von Tavernas, Märkten und freundlichen Nachbarn halbinoffiziell mitversorgt. Niemand ist wirklich zuständig, und das war lange auch kein großes Problem — bis die Population explodierte.
Eine Katze kann theoretisch drei Würfe pro Jahr mit je vier bis sechs Jungtieren haben. Ohne Sterilisierung kann aus einem einzigen unkastrierten Pärchen in sieben Jahren eine Population von Tausenden entstehen. Auf einer Insel mit milden Wintern passiert das schneller als anderswo.
Die Kehrseite des Paradieses: Winter ohne Touristen
Im Sommer sieht das Straßenkatzenleben vergleichsweise gut aus. Restaurants haben geöffnet, Touristen füttern, Abfalltonnen sind voll. An der Strandpromenade von Limassol oder in der Altstadt von Nicosia wirken die Katzen manchmal fast wohlgenährt.
Dann kommt der November.
Die Tavernas schließen, die Touristen fliegen heim, und plötzlich sind die informellen Futterquellen weg. Viele Katzen, besonders in Küstenorten wie Ayia Napa oder Protaras, die fast ausschließlich vom Sommertourismus leben, geraten in echte Not. Sie verhungern nicht sofort — aber sie werden krank, schwächer, anfälliger. In besonders kalten Wintern (Zypern hat selten, aber gelegentlich Nächte knapp über null) sterben vor allem Junge und Alte.
Das ist kein abstraktes Problem. Wer einmal im Januar durch die Tourismusviertel spaziert, sieht den Unterschied sofort.
Das geklippte Ohr: Was bedeutet das?
Wenn du eine Straßenkatze mit einer leicht gestutzten Ohrspitze siehst — meistens das linke Ohr, manchmal das rechte — dann bedeutet das: Diese Katze wurde bereits sterilisiert oder kastriert.
Das ist international das Erkennungszeichen für „Trap-Neuter-Return"-Programme (TNR): Die Katze wurde eingefangen, tierärztlich versorgt, sterilisiert, geimpft, und die Ohrspitze wurde als permanente, von weitem sichtbare Markierung gestutzt. Dann kommt sie an ihren ursprünglichen Ort zurück.
Das geklippte Ohr ist dein Hinweis, dass jemand bereits gearbeitet hat. Diese Katze brauchst du nicht mehr zur Sterilisierung einzufangen — du kannst sie einfach in ihrer Kolonie lassen (und gerne füttern).
Das Ohrclipping geschieht unter Vollnarkose, ist schmerzlos und heilt schnell. Es ist der einzige verlässliche Weg, bereits behandelte Tiere aus der Ferne zu erkennen — denn ein Tätowierung oder Chip ist im Straßenalltag nicht praxistauglich.
TNR: Die einzige Methode, die wirklich funktioniert
Das Prinzip ist simpel: Einfangen, kastrieren/sterilisieren, zurückbringen. Warum nicht einfach alle Katzen einschläfern oder irgendwo hinbringen? Weil das nicht funktioniert.
Wenn du eine bestehende Katzenkolonie entfernst, entsteht ein sogenanntes „Vakuum-Effekt": Andere, noch nicht sterilisierte Katzen ziehen ein und die Population explodiert wieder — oft schneller als vorher. Eine stabile, sterilisierte Kolonie hingegen hält ihr Revier und wächst nicht mehr. Nach ein paar Jahren schrumpft sie durch natürliche Alterung.
TNR ist kein ideales System — es erfordert kontinuierliche Arbeit, Ressourcen und Freiwillige. Aber es ist das einzige, das auf Bevölkerungsebene messbare Ergebnisse bringt.
Auf Zypern organisieren hauptsächlich NGOs und engagierte Einzelpersonen die TNR-Arbeit. Die Gemeinden sind unterschiedlich involviert — manche unterstützen aktiv, andere schauen weg. Eine einheitliche staatliche Lösung gibt es nicht.
Wo Expats anpacken: Shelter, Cafes und Sanctuaries
CopsCats Café, Pyla
Pyla ist schon geografisch ungewöhnlich — eine der letzten gemischten Siedlungen entlang der Grünen Linie, wo griechische und türkische Zyprioten nebeneinander leben. Und dort, in diesem etwas aus der Zeit gefallenen Dorf, gibt es das CopsCats Café: ein von Expats betriebenes Katzencafé, das gleichzeitig als inoffizieller Hub für die lokale Katzenrettungsarbeit und eine Sterilisierungsklinik funktioniert.
Man kann dort Kaffee trinken, mit den Bewohnern schmusen und — wenn man möchte — direkt vor Ort mehr darüber erfahren, wie man sich einbringen kann. Preise gibt es keine festen, dafür einen Spendenhinweis. Es ist der entspannteste Einstieg in das Thema, den Zypern zu bieten hat.
Ella's Blind Cat Sanctuary
Ella's ist besonders: Hier werden hauptsächlich blinde und stark sehbeeinträchtigte Katzen aufgenommen — Tiere, die in einer Straßenkolonie keine Überlebenschancen hätten. Das Sanctuary liegt in Vrysoules im Bezirk Famagusta und wird von einer kleinen, engagierten Gruppe ehrenamtlich betrieben.
Wer adoptieren möchte, findet hier oft Tiere, die aufgrund ihrer Beeinträchtigung sonst übergangen werden — und die erstaunlich gut in Haushalten mit ruhiger Atmosphäre zurechtkommen. Adoptionen nach Europa und UK sind möglich, Flugkosten trägt der Adoptierende.
Blind Cat Sanctuaries existieren auf Zypern, weil blinde Katzen draußen kaum überleben. Sie können Raubtiere, Autos und andere Katzen nicht rechtzeitig wahrnehmen. Drinnen jedoch orientieren sie sich überraschend gut — blinde Katzen in stabiler Umgebung merken sich Räume und Möbel mit bemerkenswerter Präzision.
Weitere Anlaufstellen
Neben diesen bekannten Adressen gibt es auf Zypern Dutzende kleinerer Gruppen und Einzelpersonen, die regelmäßig Kolonien betreuen, Futterprogramme laufen haben oder Tiere zur Adoption anbieten. Cats In Need Cyprus hat eine eigene Website mit klaren Informationen zu TNR und Adoption. Friends of Larnaca Cats kümmert sich speziell um den Großraum Larnaka. Und die CVA (Cyprus Voice for Animals) ist als Dachverband der älteste und politisch aktivste Akteur — sie lobbyen für bessere Gesetzgebung und koordinieren zwischen den Einzelorganisationen.
Was du konkret tun kannst
Du musst kein Vollzeit-Tierretter werden. Auch kleine Beiträge helfen.
Füttern: Eine stabile Futterstelle für eine lokale Kolonie bedeutet, dass die Tiere im Winter nicht verhungern. Wenn du regelmäßig an einem Ort vorbeikommst und dort Katzen siehst, reicht es manchmal schon, ab und zu Trockenfutter vorbeizubringen.
Unterstützen: NGOs und Shelters brauchen immer Futter-Spenden, Transportkäfige, Decken und manchmal Tierarztkosten-Übernahmen.
Adoptieren: Wenn du eh planst, eine Katze zu dir zu nehmen — adoptiere vom Shelter. Die Tiere dort sind oft geimpft, kastriert und auf Menschen sozialisiert. Und es ist eine Katze weniger auf der Straße.
TNR unterstützen: Wenn du eine nicht-sterilisierte Kolonie kennst, kannst du lokale Gruppen kontaktieren. Sie haben oft die Ausrüstung und den Tierarzt-Kontakt — manchmal fehlt nur jemand, der vor Ort eingreift.
Wenn du eine kranke oder verletzte Katze findest: Erst Handschuhe, dann anfassen. Straßenkatzen können Krankheiten übertragen, und eine verängstigte, verletzte Katze kratzt und beißt auch wenn sie es nicht böse meint. Die lokalen Tierrettungsgruppen können beraten, welcher Tierarzt Straßenkatzen zu fairen Preisen behandelt.
Die ehrliche Bilanz
Zypern ist kein Katzen-Paradies — auch wenn es von außen manchmal so aussieht. Es ist eine Insel mit einer sehr großen Population von Tieren, die zwischen menschlicher Zuneigung und echter Not pendeln. Die Arbeit, die Freiwillige hier leisten, ist beträchtlich und weitgehend unsichtbar.
Wenn du auf Zypern lebst und diese Katzen jeden Tag siehst, ist die einfachste Reaktion, wegzuschauen. Die zweitgeradlinigste ist, einen kleinen Beitrag zu leisten — Futter kaufen, spenden, teilen. Beides ist eine legitime Entscheidung. Aber falls du nach einem Weg suchst, dich in dieser Insel zu verankern, gibt es schlechtere Einstiege als das Netzwerk von Menschen, die hier jeden Morgen rausgehen und Fallen aufstellen.
Gesetze, Behördenwege und Alltagsinfos für Expats auf Zypern ändern sich laufend. pundo.cy hält dich auf dem neuesten Stand — auf Deutsch, Englisch, Russisch, Arabisch und Hebräisch.
📍 Adressen & Links
- CopsCats Café, Pyla — Facebook Café · Facebook Center
- Ella's Blind Cat Sanctuary — Facebook
- Cats In Need Cyprus — catsinneedcyprus.org
- Friends of Larnaca Cats — friendsoflarnacacats.org
- CVA – Cyprus Voice for Animals — cva.com.cy
- CAT P.A.W.S Cyprus — Facebook
